Papers delivered at the ‘Irfán Colloquium Session #114 (Deutsch)

Tambach Seminar Centre: Tambach, Germany

October 4–7, 2012.

Die Briefe des Báb an die Könige und Herrscher seiner Zeit

(Letters of the Báb to the kings and rulers of his time)

by Armin Eschraghi

“Die Bábí-Religion ist in den letzten Jahren als eine der wichtigsten gesellschaftlichen Bewegungen in der iranischen Geschichte, zumindest in persischen Publikationen, wieder mehr in das Blickfeld der Forschung geraten. Besodners oft wird dabei diskutiert, welchen “politischen” Anspruch der Báb vertrat. Aber auch in deutschen Veröffentlichungen wird die Bábí-Bewegung immer wieder als “messianische Sekte” dargestellt, die den Staat stürzen und einen Gottesstaat errichten wollte. Das hängt vor allem damit zusammen, dass einerseits der Báb beanspruchte, der Verheißene des schiitischen Islam zu sein. Mit diesem Anspruch sind traditionell Herrschaftsambitionen verbunden, so dass man diese – zu Unrecht- auch dem Báb unterstellt hat. Zum anderen kam es bekanntlich zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und Kämpfen zwischen Bábís und Regierungstruppen, an deren Ende die Massakrierung tausender Anhänger des neuen Glaubens stand. Auch diese Ereignisse werden von Außenstehenden bis heute als Versuch einer gewaltsamen Revolution gedeutet. Wenig bekannt ist, dass der Báb zahlreiche Briefe an den damaligen König Muhammad-Sháh, an dessen Premierminister Hájjí Mírzá Áqasí sowie an den Sultan des osmanischen Reiches richtete, aus denen sich seine Position zu weltlicher und geistlicher Macht rekonstruieren lässt.

Der Beitrag wird sich mit den Sendbriefen an den iranischen Monarchen beschäftigen und zentrale Inhalte im Lichte dieser Fragestellung beleuchten, um so zu einer neuen Einschätzung des angeblich “politischen” Anspruchs des Báb zu gelangen.


Die Menschenrechte des Kindes: Die UN-Kinderrechtskonvention und das Bahá'í-Konzept von Menschheit und Mensch

(Human rights of the child: The UN Convention on Rights and the Baha'i concept of man and humanity)

by Karen Reitz-Koncebovski

Der Vortrag verfolgt zwei Wege. Zum einen geht es um eine Rezeption der UN-Kinderrechtskonvention vor dem Hintergrund dessen, was in den Bahá'í-Schriften über den Menschen und seine Bestimmung sowie über die Menschheit und ihre Entwicklungsaufgabe im Zeitalterst ihrer „Reife“ zu finden ist. Der zweite Weg ist gegenläufig: Die UN-Kinderrechtskonvention wird vorausgesetzt als Ausdruck des Willens der Menschheit, formuliert und ratifiziert von nahezu allen Staaten der Erde. Ihre Umsetzung hat auf verschiedenen Ebenen zu erfolgen, auf politischer und juristischer Ebene, in Behörden, Institutionen und Bildungseinrichtungen. Aber dass Kinder wirklich „zu ihrem Recht kommen“, als Rechts-Subjekte ernstgenommen werden, verlangt von der Gesellschaft einen Bewusstseinswandel und grundlegende Veränderungen auf der Ebene zwischenmenschlichen Umgangs. Das ist das zweite Ziel des Vortrags: aus den Bahá'í-Schriften Ansatzpunkte für eine Anthropologie des Kindes und ethische Werte für die Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern abzuleiten, die als Leitlinien für eine wertebasierte Umsetzung der Kinderrechte dienen können.

Eine Auseinandersetzung mit dem Buch "Religion und Religionskritik" von Michael Weinrich

(A discussion of the book "Religion and religious criticism" by Michael Weinrich)

by Hans Knospe

Eine Auseinandersetzung und Begegnung mit dem Arbeitsbuch von Michael Weinrich (UTB Vandenhoeck&Ruprecht 2011). Das Buch führt in die Fülle der unterschiedlichen Positionen zu Religion und Religionskritik ein, dokumentiert exemplarische Texte und stellt durch Interpretationen einen Zusammenhang her, der zu weiterer Vertiefung anregen will.

"Religion ist im weitesten und tiefsten Sinne das, was uns unbedingt angeht." (Paul Tillich) "Die Religion ist wieder zu einem Faktor sozialer Identitätsbildung geworden und sie drängt entschlossen auf gesellschaftliche Einflußnahme." (Martin Riesebroth)


Interreligiöser Dialog und die Stellung der Bahá’í-Religion gegenüber anderen Glaubensrichtungen

(Interreligious dialogue and the Baha'i position on other faiths)

by Ali Faridi

Haus der Religionen, Forum der Religionen und Rat der Religionen in Hannover. In einer pluralistisch geprägten Gemeinschaft, die ein weitgehend konfliktfreies Zusammenleben ihrer Mitglieder anstrebt, sehen sich alle gesellschaftsbildenden Einrichtungen, allen voran die Religionsgemeinschaften, einer besonderen Herausforderung gegenüber gestellt. Da Religion alle Aspekte des Menschseins nachhaltig in Anspruch nimmt und den Einzelnen in seinem Sozialverhalten den wichtigsten Orientierungsrahmen bietet, ist die Bewältigung der vielfältigen Herausforderungen ohne Einbindung des gesellschaftsbildenden Potentials der Religionen kaum vorstellbar. Ein zentraler Ort der Information, Begegnung und der Beratung, wie das Haus der Religionen von Hannover, in dem sechs Religionen miteinander im ständigen Austausch stehen, hat inzwischen einen festen Platz in der hannoverschen Kulturlandschaft.

2008 besuchten an die 5000 Menschen das Haus der Religionen in der Südstadt von Hannover, informierten sich über die in der Region ansässigen Religionsgemeinschaften sowie über ihr Zusammenwirken in und außerhalb des Hauses der Religionen. Die Besucher kamen als Einzelpersonen, in kleinen und größeren Gruppen bis hin zu ganzen Jahrgängen einer Schule aus allen Alters-und Interessengruppen.

Die Besonderheiten und die Entstehungsgeschichte des Hauses der Religionen in Hannover sowie der Anteil der Bahai-Religion stehen im Mittelpunkt meines Beitrages.


Naturrecht oder Offenbarung: Zur Grundlage ethischer Normen

(Natural law or revelation: Toward a foundation of ethical standards)

by Yasmin Mellinghoff

Wir leben in einer Zeit, in der ethische Normen, deren Gültigkeit jahrhundertelang außer Frage stand, einerseits radikal infrage gestellt werden. Andererseits ist das Interesse an ethischen Fragen in den letzten Jahren deutlich gewachsen. Die Möglichkeiten, die die moderne Wissenschaft den Menschen bietet, das Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen sowie zunehmende ökonomische Unsicherheit führen zu Fragestellungen von größter Brisanz. Doch wo findet sich ein festes Fundament an ethischen Werten, das Allgemeingültigkeit beanspruchen kann? Über diese Frage haben die Menschen seit Jahrtausenden nachgedacht.

Bei den griechischen Philosophen der Antike entstanden die ersten Ausführungen zum sog. "Naturrecht", über dessen Inhalt sich ein Diskurs entspann, der bis in die Zeit der Aufklärung fortdauerte. Das Anliegen und die Zielsetzung des Naturrechts wird in Grundzügen dargestellt und anhand einzelner Beispiele erläutert. Doch auch die Schwächen, die das Naturrechtsdenken kennzeichneten, werden erörtert. Von entscheidender Bedeutung ist hierbei, welche Rolle die Vernunft für die Begründung ethischer Normen spielen kann.

Eine weitere mögliche Grundlage zur Begründung ethischer Normen stellen die Offenbarungsreligionen dar. Die Vertreter der Religionen betrachten die moralischen Regeln ihrer jeweiligen Heiligen Schriften als Grundlage der Moral. Da es in diesen Heiligen Schriften einen Kernbestand von gemeinsamen Regeln gibt - insbesondere dieGoldene Regel -, wurde versucht, eine gemeinsame Ethik aufgrund dieser Religionen zu entwickeln. Diese wurde in der Erklärung zum Weltethos 1993 vom Weltparlament der Religionen formuliert. Es wird erörtert, welchen Wert und welche Wirkung diese Erklärung haben kann.

Schließlich werden einige Ansätze für die Begründung ethischer Normen auf Grundlage der Bahá'í-Offenbarung dargestellt und erläutert.


Toleranz in der Bahá’í-Religion

(Tolerance in the Baha'i Faith)

by Farah Dustdar

Als eine neuzeitliche Religionsstiftung verbindet die Bahai-Lehre die traditionellen religiösen Inhalte mit dem modernen abendländischen Denken. Nach einer kurzen Erläuterung der Grundprinzipien und einem kurzen historischen Überblick beschäftigt sich der Beitrag in zwei Abschnitten mit den Elementen, welche die Toleranz einerseits gegenüber Andersgläubigen und andererseits innerhalb der Bahai-Gemeinde fördern. Die Gewissensfreiheit, die Methode der Konfliktlösung, die Kompatibilität der Bahai-Prinzipien mit der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“, die Unterordnung des religiösen Rechtssystems unter der demokratischen Verfassungen, Friedfertigkeit, Ablehung der Gewaltanwendung und das Gebot des friedlichen Zusammenlebens mit allen Völkern, Geschlechtern und Religionen der Welt sind bedeutende Aspekte zur Förderung der Toleranz gegenüber Andersgläubigen. Innerhalb der Gemeinde sind Menschenbild der Bahai, das Prinzip der Gleichwertigkeit, die Aufhebung des Priestertums, die individuelle Verantwortung zum Einhalten der religiösen Gebote und demokratische Aufbau der Gemeindeordnung sollen Toleranz innerhalb der Gemeine gewährleisten.

"Vier Täler": Eine Analyse im Rahmen der mystischen Werke Bahá’u’lláhs

("The Four Valleys": An analysis within the framework of the mystical works of Bahá'u'lláh)

by Armin Eschraghi

Unter den frühen Schriften Bahá’u’lláhs gehören neben dem Buch der Gewissheit und den Verborgenen Worten, die Sieben Täler und die Vier Täler zu den bekanntesten, zumal sie auch in deutscher Übersetzung vorliegen. Die letzteren beiden Werke sind in der Sprache der islamsichen Mystiker gehalten und nehmen oft Bezug auf deren Terminologie und zitieren aus deren Literatur. Zwar kann man beiden Werken aufgrund ihrer poetischen Schönheit auch auf “intuitivem” Wege viele Erkentnnisse entnehmen. Gerade bei den Vier Tälern sind Bahá’u’lláhs Ausführungen aber einerseits so kurz und dicht und doch zugleich so tiefgründig, dass man oft ohne Kenntnis der bei den Sufis zugrunde gelegten Konzepte und Ideen den Gedanken nur schwer folgen kann. Der Adressat der Schrift war ein “Sufi-Meister” und verstand aufgrund seiner Vorbildung die bloßen Andeutungen Bahá’u’lláhs, die Bezug nahmen auf – damals - allseits bekannte Diskussionen in der klassischen Literatur und Poesie. Auch und gerade für eine Übersetzung in andere Sprachen stellt dies aber eine große Herausforderung dar. Nicht umsonst gehören die “Täler” zu den wenigen publizierten Schriften Bahá’u’lláhs, die auch in der bisherigen offiziellen Ausgabe mit einer Vielzahl an erklärenden Fußnoten versehen sind, wenngleich auch diese den unvorbelasteten Leser oft alleine lassen.

Im Workshop werden zentrale Passagen der Vier Täler untersucht und vor dem Hintergrund der zugrunde liegenden Sprach- und Gedankenwelt erörtert, um möglicherweise einen neuen, leichteren Zustieg zu dieser Schrift Bahá’u’lláhs, und damit insgesamt zu Seinen mystischen Werken aufzuzeigen.


Was sagt uns die Zahlensymbolik?

(What does numerology tell us?)

by Gerald Keil

Das uralte religiös und mystisch motiviertes Interesse in die Zahlendeutung als Zugang zu religiösen Wahrheiten wird vom heutigen aufgeklärten Menschen kaum ernst genommen. Die Bahá’í- Religion, die sich als Religion für das moderne Zeitalter versteht und in der Übereinstimmung zwischen Religion und Wissenschaft ein Grundprinzip des eigenen religiösen Verständnisses sieht, bedient sich der Zahlensymbolik jedoch in vielfältiger Weise. Besteht dadurch ein Spannungsfeld zwischen zwei unterschiedlichen Wahrnehmungswelten?